Interview

"Wir wollen das Tempo in der Mobilitätswende deutlich steigern"

Seit acht Monaten ist Anjes Tjarks Senator für Verkehr und Mobilitätswende in Hamburg. Im Gespräch mit Cellular berichtet der Grünen-Politiker, was er bislang schon erreicht hat, wie er Hamburg weiter zum Vorreiter für moderne und digitale Mobilität ausbauen will und warum wir einen "Drosten der Mobilität" nicht brauchen.

Es ist eine Art Halbzeit für Senator Anjes Tjarks: Vor acht Monaten hat der Grünen-Politiker sein Amt als Präses der Behörde für Verkehr und Mobilitätswende angetreten. Und in weiteren acht Monaten findet der Weltmobilitätskongress ITS in Hamburg statt – wo die Stadt ihren Ruf als "smarteste Stadt Deutschlands im Bereich der Mobilität", wie es die NZZ schreibt, festigen kann.
Cellular ist u.a. als Entwicklungspartner der Hamburger Hochbahn AG für die HVV Switch-App dicht dran an den Mobilitätsthemen der Stadt. Panos Meyer, CEO von Cellular, hatte Gelegenheit, sich mit Anjes Tjarks auszutauschen. Wir veröffentlichen das Gespräch in Auszügen:

  • Herr Senator Tjarks, Corona ist nach wie vor das vorherrschende Thema. Für die Mobilitätswende scheinen sich aktuell nicht mehr so viele Menschen zu interessieren. Oder täuscht der Eindruck? 

Anjes Tjarks: Die Pandemie bestimmt gerade unser aller Alltag in einem sehr starken Maße. Da finde ich es sehr nachvollziehbar, dass dies auch im Fokus des öffentlichen Interesses steht. Doch gerade die vergangenen Monate haben gezeigt, wie wichtig in der Krise ein zuverlässiges Mobilitätsangebot für die Hamburgerinnen und Hamburger ist. Seit Beginn der Pandemie lassen wir die Busse und Bahnen des ÖPNV deshalb trotz deutlich gesunkener Nutzungszahlen weiterhin im normalen Takt fahren. Das machen wir, um den Verkehr zu entzerren und so den nötigen Infektionsschutz sicherzustellen. Mit diesem Gedanken eines sicheren, zuverlässigen und nachhaltigen ÖPNV bringen wir auch weiterhin jeden Tag die Mobilitätswende voran.
Aus Mobilitätsperspektive ist der Gewinner des vergangenen Jahres eh eindeutig das Fahrrad. Während alle anderen Verkehrsträger – inklusive des KfZ-Verkehrs - 2020 rückläufig waren, ist der Radverkehr in Hamburg vergangenes Jahr um 33 Prozent gestiegen. Für immer mehr Menschen wird deshalb auch in Zukunft eine gute Radwegeinfrastruktur von großer Bedeutung sein. Daher bauen wir diese zurzeit massiv aus. So konnten wir im Jahr 2020 mit 62 Kilometern an neuen und sanierten Radwegen einen tollen neuen Rekord aufstellen. Die Mobilitätswende voranzutreiben bleibt also auch in Zeiten der Pandemie enorm wichtig – für den einzelnen Menschen genauso wie für uns als Gesellschaft.

Vita

Dr. Anjes Tjarks, 39, ist ein Hamburger Jung. Er wurde hier geboren, hat Erziehungswissenschaft, Anglistik und Sozialwissenschaften studiert und seine Laufbahn als Lehrer begonnen. Tjarks ist Mitglied von Büdnis 90/Die Grünen. Der Vater dreier Kinder wurde im Juni 2020 Präses der Behörde für Verkehr und Mobilitätswende.

  • Es scheint, als hätten Sie einen unmöglichen Job: Einerseits wollen Sie den Individualverkehr mit dem Auto einschränken - andererseits ist es Ihre Aufgabe, Verkehr herzustellen. Beißt sich das nicht?

Tjarks: Unsere Aufgabe ist es nicht, Verkehr herzustellen, sondern Mobilität zu gewährleisten und zu fördern. Der Verkehr steigt in einer wachsenden Stadt wie Hamburg auch so immer weiter an. Die Frage ist also eher, wie sich der Verkehr in Zukunft verteilen wird. Wir wollen deshalb den Anteil des Umweltverbunds (also ÖPNV, Fuß- und Radverkehr) am Modal-split, also dem Gesamtverkehr, noch in dieser Legislaturperiode von 64 Prozent auf 80 Prozent steigern. Konkret wollen wir den Anteil des ÖPNV am Modal-split bis 2030 auf 30 Prozent anheben. Auch den Radverkehr wollen wir auf 25 bis 30 Prozent steigern.
Deshalb müssen wir den Mobilitätsmix ganz neu denken: Da reden wir über neue Bus-, Bahn-, und Sharing-Angebote und natürlich auch über das Fahrrad. Was wir erreichen wollen, ist, dass sich die Hamburgerinnen und Hamburger schnell, komfortabel, einfach und sicher durch unsere Stadt bewegen können – und natürlich nachhaltig.
Mit dem Ausbau der U4 oder auch dem Neubau der U5 und S4 werden wir vor allem auch viele Quartiere wesentlich besser an das Schnellbahnnetz anschließen, als dies heute der Fall ist. Besonders haben wir dabei Quartieren am Rande der Stadt im Blick. Allein in den nächsten 20 Jahren werden wir 36 neue Bahnhöfe bauen!
Die Mobilitätswende zu gestalten und den Hamburgerinnen und Hamburgern eine Vielzahl an attraktiven Verkehrsangeboten zur Verfügung zu stellen, ist also nicht nur etwas, was wünschenswert ist, sondern vor allem notwendig, um Hamburg auch in Zukunft mobil zu halten und noch mobiler zu machen.

  • Unsere Themen bei Cellular sind Digitalisierung und Innovation. Deshalb fragen wir uns: Geht es bei der Mobilitätswende nicht um mehr? Wir brauchen sieben Jahre für einen Radweg an der Elbchaussee. Elon Musk bohrt in Blitzgeschwindigkeit Tunnel durch halbe Innenstädte. Warum sind wir so langsam?

 Zunächst bauen wir an der Elbchaussee nicht nur einen Radweg – das komplette Leitungssystem, insbesondere die Hauptwasserleitung mit einen Durchmesser von einem Meter, wird an dieser Stelle saniert. Das ist dann schon noch ein wenig komplexer. Zudem ist die Neuaufteilung des Straßenraums auch etwas, das wir gemeinsam mit den Menschen in Hamburg gestalten wollen. Beteiligung ist ein absolut essenzieller Bestandteil von solchen Infrastrukturprojekten und auch wichtig für die Akzeptanz der Mobilitätswende.
Dennoch haben Sie natürlich einen Punkt: Die Zeit drängt. Der Klimaschutz wartet nicht und auch die Menschen wollen in großem Maße umsteigen. Deshalb wollen wir das Tempo in der Mobilitätswende nochmal deutlich zu steigern. Um auf das von Ihnen angesprochenen Projekt zurückzukommen: Dadurch, dass wir das erste Mal in einem Kooperationsprojekt arbeiten und die Arbeiten von Hamburg Wasser, LSBG, Gasnetz Hamburg und Stromnetz Hamburg perfekt koordinieren, konnten wir die Bauzeit hier um drei Jahre verkürzen.

  • Seit es die Mobilitäts-App HVV Switch gibt, wird es den Hamburger:innen immerhin schon etwas einfacher gemacht, ohne Auto unterwegs zu sein. Doch warum dauert es so lange, solche Innovationen zu realisieren? 

Tjarks: Ich denke, dass in der HVV Switch-App wirklich ein tolles Potential steckt. Ein solch innovatives Konzept wird es uns erlauben, nun immer mehr Mobilitätsanbieter in die App zu integrieren und es den Hamburger:innen leicht zu machen, zwischen unterschiedlichen Verkehrsmitteln hin- und her zu wechseln. Beispielsweise wurde ja schon in der jetzigen App die Grundlage dafür geschaffen, das Check in/Be-out-System, bei dem der Fahrkartenkauf in öffentlichen Verkehrsmitteln individuell und automatisch über das Smartphone erfolgt, in Zukunft schnell in der Praxis einzuführen.
Dies zeigt, wie wir vorausschauend und schnell solche innovativen Konzepte auf den Weg bringen. Wir sehen jetzt, was wir seit Neugründung der Behörde für Verkehr und Mobilitätswende im Sommer 2020 an Projekten anschieben und welche Erfolge wir bereits erzielen konnten. Der Haushalt für die Jahre 2021/22 ebnet den weiteren Weg der Mobilitätswende. Insgesamt nehmen wir so viel Geld wie nie zuvor in die Hand, um in kurzer Zeit große Fortschritte erzielen zu können.

  • In den vergangenen Monaten haben wir alle gelernt, der Wissenschaft zu vertrauen. In Punkto Mobilität geht es in der Politik allerdings viel um Glaubensfragen. Bräuchten wir nicht eigentlich einen "Drosten der Mobiliät", der die Fakten für die richtigen Entscheidungen liefert?

Tjarks: Das Schöne ist, dass wir die Fakten ja bereits kennen und gerade in der rot-grünen Koalition diesbezüglich einen großen Konsens haben. Die Klimakrise einerseits und die wachsende Stadt andererseits machen es schlicht notwendig, unsere Mobilität neu zu denken. Die Hamburger:innen möchten dabei immer sicher, komfortabel und umweltfreundlich an ihr Ziel gelangen. Die Mobilitätswende überzeugt schon heute so viele Bürger:innen unserer Stadt, weil wir Ihnen attraktive Angebote zur Verfügung stellen. Sie merken vor allem auch, dass wir mit innovativer Mobilität die Lebensqualität unserer Stadt deutlich steigern können. Es geht also eher weniger um Glaubensfragen, sondern darum, mit unseren Konzepten zu begeistern und zu überzeugen. Kommunikation ist dabei ganz sicher ein absolut elementarer Bestandteil.

Autor

Stefanie Bilen
Director Marketing & Communications
sbilen@cellular.de