Smart City

Wie Daten das Leben in der Stadt wirklich smart machen

Energie, Mobilität, Sicherheit: Damit aus einer Metropole eine echte Smart City wird, müssen die Beteiligten vieler Sektoren miteinander kooperieren. Ein Mobilitätsprojekt aus Hamburg zeigt, wie Bürger:innen profitieren, wenn ÖPNV und private Mobilitätsanbieter zusammenarbeiten.

Kein Blogartikel über das Thema Smart City kommt ohne diese Vorzeigemetropole aus: Seoul. Wenn es um Innovationen im öffentlichen Leben geht, übernimmt die südkoreanische Hauptstadt eine Leuchtturmfunktion. Mit einem Budget von 1,2 Mrd US-$ für Smart City-Initiativen ist das nicht überraschend. Die Gelder werden vielseitig eingesetzt - etwa für die Einbindung der Bevölkerung in städtische Verkehrsentscheidungen. Per App können diese beispielsweise abstimmen, ob Fahrradwege gebaut werden sollen oder nicht. Außerdem installiert die Stadt smarte Sensoren in Senioren-Wohnungen, um im Falle eines Notfalls - eines Sturzes beispielsweise - schnell medizinische Hilfe schicken zu können. 
Ein Großteil des Budgets wird allerdings im Bereich Mobility investiert. Für die  Verkehrsinitiative werden bis zum Jahr 2022 knapp 50.000 IoT-Sensoren in der Stadt installiert, die unter anderem die Verfügbarkeit von Parkplätzen in Echtzeit vorhersagen. Oder intelligente Sicherheitskameras steigern die Effizienz im Verkehr genauso wie die Luftqualität: Dafür werden die Verkehrsteilnehmer:innen so gesteuert, dass sie sich möglichst treibstoffsparend durch die Stadt bewegen.  

Nun leben wir nicht in Asien und haben zudem ein anderes Verhältnis zu Kontrolle und Datenschutz. Dennoch zeigt das Beispiel, was möglich ist - und wo es bei uns Handlungsspielraum gibt. Insbesondere Mobilitätsanbieter sollten Smart City-Szenarien hierzulande als Spielfeld betrachten, das neue Erlösmodelle und effizientere Prozesse ermöglicht. Der Erfolg ist dabei direkt mit der Kooperationsbereitschaft der Akteur:innen verknüpft.

HVV Switch: Leuchtturmprojekt für intermodale Mobilität

Denn sogenannte digitale Ökosysteme - Plattformen mit unterschiedlichen städtischen wie kommerziellen Mobilitätsdienstleistern - werden in großen Städten immer wichtiger werden, da Bürger:innen sich möglichst flexibel und unabhängig vom Transportmittel fortbewegen wollen. Daher - darin sind sich Verkehrsexpert:innen einig - wird das vielfältige Angebot an Bussen, U-Bahnen, S-Bahnen, Car-Sharing-Diensten, Mietfahrrädern, E-Scootern etc. künftig in einem multimodalen Ökosystem vereint und zentriert bereitgestellt. Der Ticketkauf der Zukunft wird dabei durch neuartige Prozesse wie “Check-In-Be-Out” ersetzt. Hier muss der Fahrgast lediglich beim Reisestart in einer App einchecken. Am Ende eines Tages wird sein Reiseverlauf analysiert und der günstigste Tarif nachträglich automatisch abgebucht. Derartige Payment-Prozesse werden an Relevanz gewinnen und schon bald zum Standard werden. Die Fahrgäste werden es zu schätzen wissen, denn manche Tarifregelungen sind so kompliziert wie Koreanisch für Europäer. 
 
Mit der Hamburger Hochbahn und der HVV Switch-App arbeitet Cellular an genau diesen wichtigen Themen und ermöglicht schon heute die sogenannte intermodale Mobilität. Dahinter verbirgt sich eine Plattform für eine Vielzahl von Anbietern. Neben Bussen, S- und U-Bahnen werden private Car-Sharing-Unternehmen genauso angebunden wie E-Scooter- und Ride-Sharing-Anbieter. Seit Kurzem ist HVV Switch sogar bei Google Maps integriert - als Weltneuheit bei einem ÖPNV-Anbieter. Und schon bald gibt es am Ende des Tages die automatisierte Abrechnung zum besten Tarif. Innerhalb Deutschlands ist HVV Switch ein Leuchtturmprojekt. Viele hiesige Großstädte sind erst jetzt dabei, ihren ÖPNV zu modernisieren und zu digitalisieren. Für sie hat die Mobilitätsplattform aus Hamburg Vorbildcharakter - zumal das Projekt durch Bundesmittel gefördert und wissenschaftlich begleitet wird. 

Stau verhindern dank konsequenter Datenauswertung?

Dennoch ist klar, dass diese Lösung auch für die Hamburger:innen erst ein Anfang ist. Nutzt man gesammelte Daten - etwa über priorisierte Fahrgastrouten (wer fährt wann wie oft und womit aus dem Speckgürtel in die Innenstadt und umgedreht?) - können bislang undenkbare innovative digitale Lösungen entstehen. In einem Smart Traffic-Projekt würden über Chips und GPS-Sensoren Busse, Leihräder und Ride Sharing-Anbieter wie Moia getrackt, um den Verkehr ganzheitlich und nachhaltig zu steuern. Und es werden dynamische Preismodelle möglich: In Stoßzeiten könnten E-Scooter-Anbieter ihre Preise senken, um die Nutzung anzukurbeln und die Straßen von Pkw zu entlasten. Umgedreht würden bei überfüllten öffentlichen Verkehrsmitteln oder Störungen auf U-Bahn-Abschnitten Car-Sharing-Anbieter Preise flexibel reduzieren. So ließen sich einzelne Services optimal ergänzen und eine Win-win-Situation für Anbieter und Nutzer:innen fördern.     

Und mehr noch: Die Kooperationen der Zukunft werden über den Mobility-Bereich hinausgehen, die nächste Stufe ist die Vernetzung mit anderen Sektoren, etwa mit dem Einzelhandel. Künftig werden die Menschen ihre Zeit in Verkehrsmitteln stärker nutzen: Wer morgens zur Arbeit pendelt, kauft seine Lebensmittel via App ein. Abends stehen diese abholbereit an der Packstation einer präferierten U-Bahn-Station bereit. Für die Kund:innen entfällt damit Wartezeit an überfüllten Kassen, außerdem werden die Straßen durch weniger Einkaufsfahrten entlastet. In Südkorea - wo sonst? - wurden solche Ansätze mithilfe von fotorealistischen Plakaten von Lebensmittelregalen übrigens schon vor zehn Jahren (!) an hochfrequentierten U-Bahn-Stationen eingeführt. Weil jedes Produkt mit einem eigenen QR-Code versehen wird, können Fahrgäste ihre Einkäufe quasi im Vorbeigehen per App tätigen. Das steigert nicht nur das Geschäft der anbietenden Einzelhändler, es macht auch den gestressten Großstädter:innen das Leben leichter.

Die Vernetzung mit anderen Sektoren ist darüber hinaus naheliegend: Würden wir die Mobilitätsdaten besser nutzen, könnten wir die Energienutzung an bestimmten Orten zu bestimmten Uhrzeiten besser prognostizieren und zu einer smarten Energieversorgung beitragen. Oder die Stadtreinigung könnte ihre Routenplanung effizienter vornehmen, hätte sie ein transparentes Bild von der Verkehrssituation in konkreten Bezirken. 
Bei all den verheißungsvollen Zukunftsaussichten: Selbstredend müssen wichtigen Punkten wie Datenschutz und Informationssicherheit Rechnung getragen werden. Daher ist es wichtig, dass die Städte ganzheitliche Digitalisierungsstrategien erarbeiten, in denen alle relevanten Faktoren berücksichtigt werden. Eine Vision der Zukunft mit den notwendigen Anforderungen an rechtliche, ökologische, ökonomische und soziale Faktoren ist für eine nachhaltige und effiziente Umsetzung essentiell. 
Doch in erster Instanz geht es mir um das Verständnis der künftigen Rolle einer Stadt und der angebundenen Dienstleister. Eine Großstadt wird nur dann smart, wenn die Verantwortlichen visionär und integrativ denken.

Auf die Zukunft! 

Christian Geng
Autor

Christian Geng
Senior Digital Strategist
cgeng@cellular.de