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Digitale Barrierefreiheit Jede:r Zehnte wird ausgeschlossen

Was für ein Skandal: Unternehmen und Organisationen schaffen digitale Angebote, um ihre Zielgruppe zu erreichen. Allerdings machen viele das sehr halbherzig, weil sie die Regeln der Barrierefreiheit nicht berücksichtigen. Das ist nicht nur unfair für die Betroffenen - sondern auch unternehmerisch fahrlässig. Ein Gesetz, das im Juni 2021 in Kraft tritt, soll die Einschränkungen für die Benachteiligten vollends beseitigen.

Das Internet - ein Ort ungeahnter Möglichkeiten? Zumindest ist es ein zunehmend wichtiger Bestandteil unseres Berufs- und Privatlebens. Es bietet uns Zugang zu Informationen und versetzt uns in die Lage, miteinander zu kommunizieren und zu interagieren. Wer würde noch ohne Digitalangebote auskommen, egal ob es sich um das Versenden einer E-Mail, das Googlen oder die Nutzung von Social Media-Kanälen handelt?

Doch was würden wir wohl tun, fänden wir wichtige Infos auf einer Website, könnten sie allerdings nicht lesen? Oder der Button zum Bestätigen eines Formulars würde nicht reagieren…? Was für die meisten von uns nicht mehr als ein interessantes Gedankenspiel ist, gehört für viele Menschen zum traurigen Alltag.

Fast jeder Zehnte ist in Deutschland auf Barrierefreiheit angewiesen

Knapp acht Millionen Menschen gelten als schwerbehindert*, d. h. fast zehn Prozent der Gesamtbevölkerung stehen bei der Bewältigung ihres Alltags vor unterschiedlichen, oftmals erheblichen Herausforderungen. Barrierefreiheit zu ignorieren bedeutet also, jeden Zehnten in unserer Gesellschaft zu ignorieren und ihnen Zugang zu freiem Wissen, Informationen und Unterhaltung zu verwehren. Was nicht zu einer Gesellschaft passt, die sich für Chancengleichheit einsetzt.

Warum Accessibility so wichtig ist

Das Stichwort „Accessibility“ bedeutet auf Deutsch soviel wie Zugänglichkeit oder Barrierefreiheit. Das Wort barrierefrei ist nicht immer passend. Statt sich die Frage zu stellen, für wen Inhalte barrierefrei sein sollten, schlagen wir vor, andersherum zu fragen: Für wen sollten Inhalte zugänglich sein?

Für Fachleute ist dies längst eindeutig: Es sind die Nutzer:innen, die bei der Entwicklung eines Produktes im Mittelpunkt stehen. Um ein besseres Verständnis für mögliche Herausforderungen im Umgang mit einem digitalen Produkt zu entwickeln, sollten sich Designer und Produktentwickler:innen also mit den Beeinträchtigungen der User auseinandersetzen.

Diese lassen sich in folgende Kategorien unterscheiden: 

Visuelle Einschränkungen 
Sie verhindern oder erschweren die Aufnahme schriftlicher und bildlicher Inhalte.

Auditive Beeinträchtigungen
Sie bedeuten eine Benachteiligung beim Umgang mit Audiofiles ohne alternativen Text.

Kognitive Einschränkungen
Dazu gehören Schwierigkeiten beim Textverständnis oder grundsätzlich beim Verständnis der Informationsarchitektur.

Motorische Beeinträchtigungen 
Diese führen oftmals zu Problemen bei der Navigation. 

All diese Beeinträchtigungen können situativ, temporär oder permanent auftreten. Doch unabhängig von der Ausprägung: Nach unserer Erfahrung spielen Menschen mit Handicaps eine erschreckend geringe Rolle bei der Nutzerzentrierung.  

Und falls Sie sich an dieser Stelle die Frage stellen, ob Accessibility im Hinblick auf Ihre Zielgruppe überhaupt relevant ist: Gehen Sie bitte davon aus!

Es nutzen mehr Menschen als je zuvor digitale Angebote, doch die allerwenigsten Plattformen, Programme und Websites sind für alle zugänglich. Ein Beispiel: Im Bereich des Online-Shopping sind die allerwenigsten Fashion-, Luxus- oder Lebensmittelshops für Menschen mit Einschränkungen optimiert. Was, wenn sie ein Produkt in den Warenkorb legen möchten, dies jedoch nicht ohne fremde Hilfe tun können? Etwa, weil die Größenauswahl hinter einem Akkordeon versteckt ist und diese nur mit Maus bedient werden kann. Oder weil Inhalte des Shops nur gesichtet werden können, solange jemand nicht auf die Nutzung einer Sprachsteuerung angewiesen ist. Stellen Sie sich vor, Sie möchten weitere Farben eines Produktes sichten, können allerdings keine Unterschiede erkennen, weil Sie unter einer Rot-Grün-Schwäche leiden. 

Solche Mängel sind nicht nur unfair gegenüber den Betroffenen, sie sind auch völlig unökonomisch. Womöglich verzichten Shop-Anbieter dadurch auf jede zehnte Kundin, jeden zehnten Kunden.
Darüber hinaus verstößt ein solches Angebot gegen die Rechtsprechung. Die WCAG (Web Content Accessibility Guidelines) gelten seit geraumer Zeit als gültiger Standard für barrierefreies Webdesign. Die entsprechenden Richtlinien sind Empfehlungen, die in einzelnen Ländern gesetzlich umzusetzen sind. In Deutschland müssen seit dem 23. September 2020 alle Websites eine Erklärung zur Barrierefreiheit veröffentlichen. Für App-Anbieter gilt die Frist vom 23. Juni 2021, zu dem die Erklärung zur Barrierefreiheit zu veröffentlichen ist. 

Es wird also höchste Zeit: Nehmen Sie das Thema ernst und kümmern Sie sich lieber früher als später um die Barrierefreiheit Ihres Online-Angebots. Ihre bestehenden und potenziellen Kund:innen werden es Ihnen danken.   

* Quelle: Statistisches Bundesamt, Stand 2020

Autor

Mareike
UX Designer