Techniktrends

Die (Super-)App-Revolution

In Asien sind mit We Chat & Co. sogenannte Super-Apps entstanden. Steht uns dieser Trend nun auch bevor? Wir haben in China nachgefragt, warum dort alle Welt wechattet und wieso die App in Corona-Zeiten äußerst hilfreich ist. Und wir erläutern, warum eine Super-App bei uns trotzdem eher unwahrscheinlich ist.

Text: Kathrin Stein, Grafik: Nils Sluiter

Eine Milliarde aktive Nutzer:innen verzeichnet der Messaging-Dienst We Chat aus China im Monat. Knapp 1,2 Millionen Chinesen:innen nutzen die Services der Tencent Holding Ltd. sogar täglich. Neben der Kommunikation mit Freund:innen und Familie rufen sie Taxen, kaufen Kinokarten, bestellen Lebensmittel, bezahlen Stromrechnungen und senden Geld an Verwandte. Mehr als 1,2 Millionen Mini-Programme sorgen dafür, dass die Nutzer:innen die App nicht mehr verlassen müssen. "We Chat ist eine kulturelle Revolution", sagt der UI-Experte Ziqi Hu aus Peking.**

Vor allem im asiatischen Raum ist in den vergangenen fünf Jahren der Techniktrend der selbsternannten “Super-Apps” entstanden. Statt nur einer zentralen Funktion bieten die Super-Apps zahlreiche Anwendungen und werden damit quasi zur Betriebsplattform des Gerätes. Gut möglich, dass der Trend deshalb jetzt auch in europäischen Designblogs immer häufiger auftaucht. Wir nehmen dies zum Anlass, uns das Phänomen aus Designer-Perspektive näher zu beleuchten.

Zunächst einmal scheinen die Vorteile aus Nutzersicht auf der Hand zu liegen: Super-Apps bedeuten weniger Applikationen auf dem Smartphone und damit weniger Registrierungsprozesse, mehr Speicherplatz und ein einfaches sowie vielfältiges Nutzererlebnis.
Aus Anbietersicht sind es Datenhoheit und immense Werbeeinnahmen, die für die Alles-in-Einem-App sprechen.

Facebook, Google, ... Wer hat das Potenzial zur Super-App?

Ein Pendant zu We Chat gibt es im europäischen oder US-Raum bislang noch nicht. Stattdessen existieren Plattformen mit ähnlichem Funktionsumfang über mehrere Services hinweg.

Aus Datensicht hat der Techkonzern Facebook mit seinen Diensten Whats App und Instagram bereits eine riesige Marktmacht geschaffen. Wird die in den USA bereits aktivierte Bezahlfunktion im Facebook-Messenger auch bei uns ausgerollt, entstehen weitere relevante Berührungspunkte mit den Nutzer:innen.

Auch Google bietet offensichtlich bislang keine komprimierte Super-App, tatsächlich steht das Technologieunternehmen allerdings für ein komfortables Ökosystem der Zukunft. Ein Beispiel: Finden User in der Suchmaschine ein Restaurant, können sie über Google Assistent einen Tisch reservieren. Ihr Google Kalender erinnert sie an den Termin, Google Maps weist ihnen den Weg. (Dass neuerdings ÖPNV-Tickets über den Kartendienst gebucht werden können, ist das Ergebnis eines Projektes, das Cellular zusammen mit der Hamburg Hochbahn AG als weltweit erster ÖPNV-Partner mit dieser Art von Google Maps-Integration realisiert hat.) Im Restaurant zahlen sie schließlich mit Google Pay – und so weiter...

App Clips als Alternative

Jenseits von Super-Apps einerseits und Ökosystemen andererseits gibt es eine dritte Variante: die sogenannten iOS App Clips bzw. Android Instant Apps. Diese lagern nämlich Funktionen von Apps aus und ermöglichen dadurch eine schnellere Nutzung. Ein Beispiel: Möchten User einen E-Roller leihen, können sie das Fahrzeug mit App Clips per Scan aktivieren und mit Apple Pay bezahlen, ohne vorher die App des E-Roller-Anbieters heruntergeladen und eine Registrierung vorgenommen zu haben.

Smarte Services gesucht

Es bleibt abzuwarten, ob sich auch hierzulande eine Super-App durchsetzen wird. Expert:innen sind allerdings skeptisch, denn große Plattformen brauchen – zumindest in Deutschland – kein in sich geschlossenes Nutzererlebnis, da sie bereits ausreichend konstante Berührungspunkte mit ihren Usern, wie oben beschrieben, haben und Potenzial für weitere sehen.

Und die User?

In Asien funktionieren Super-Apps gut, weil sie den Nutzer:innen helfen, ihren Alltag einfacher zu machen. (Siehe u.g. Interview.) Dieses Bedürfnis haben Menschen hierzulande ebenfalls, allerdings brauchen sie dafür nicht unbedingt eine App in der App. Ihnen ist im ersten Schritt schon damit geholfen, dass vorhandene Apps die User Experience komfortabler machten und Dinge automatisch erledigen oder anbieten. 
Wer ins Restaurant geht, will am Ende eine Rechnung haben, deren Summe sicher und berechtigt vom Konto abgebucht wird. Wer ein Bahnticket bucht, freut sich über eine Erinnerung, um rechtzeitig am Bahnsteig anzukommen. Und wer Bus und U-Bahn fährt, will am Ende des Tages idealerweise eine digitale Abrechnung, ohne unterwegs mehrmals mit Kleingeld hantieren zu müssen. 

Kurzum: Bevor Unternehmen immense Ressourcen dafür aufwenden, um zahlreiche Funktionen in einer einzelnen App zu bündeln, sollten sie überlegen, wie sie Anwender:innen Aufgaben durch smarte Services abnehmen können. Wir brauchen daher keine Super-App, sondern eine Lösung, die zum Betriebssystem unserer Bedürfnisse wird.*


*“Hey Alexa, was sagst du eigentlich dazu?“
Mit dem Potenzial von Voice-Anwendungen befasst Kathrin sich im kommenden Blogbeitrag.


**Was macht den Reiz der Super-Apps aus? Wieso ist WeChat so überaus beliebt in China? Wir haben beim UX-Experten Ziqi Hu, einem ehemaligen Kollegen unserer Senior Konzepterin Kathrin nachgefragt. Hier das Interview in voller Länge:

Nachgefragt

Ziqi Hu studierte in Mailand und Peking Design, bevor er in verschiedenen Agenturen tätig war. Seit dem vergangenen Sommer ist er Assistant Manager, UX und Produktdesign, beim Themenpark Universal Bejing Resort in Peking.

"WeChat, it's a cultural revolution"

Ziqi, wie oft nutzt du We Chat?
Ziqi Hu: Es vergeht kein Tag, an dem ich es nicht benutze. 

Was sind die Hauptvorteile aus deiner Sicht?
Ziqi Hu: Die App ist ausgesprochen praktisch. Ich nutze sie zur Kontaktaufnahme mit meiner Familie, mit Freund:innen und der Arbeit oder zum Bezahlung von Einkäufen. Aktuell ist sie zum Scannen von QR-Codes wichtig, damit man bestimmte Orte betreten kann, etwa die U-Bahn, meinen Wohnungseingang oder das Bürogebäude. Daraus ergibt sich ein sog. Safety-Bericht, das ist ein Tracking-Bericht, der anzeigt, wo man sich in den vergangenen Wochen aufgehalten hat. Aktuell gibt es nichts Vergleichbares zu We Chat, es ist eine kulturelle Revolution.

Welche We Chat-Funktionen nutzt du am häufigsten?
Ziqi Hu: Den Chat, den QR-Code-Scanner, Pengyouquan – auf Englisch heißt es Circle, im Grunde ist es ein in WeChat eingebautes Instagram und wahnsinnig beliebt, weil man die Inhalte nur mit seinen Freunden teilen kann –, die Bezahlfunktion und sogenannte Mini-Apps, etwa von Starbucks und McDonald's, das sind offizielle Konten in We Chat eingebaut.

Warum gibt es nichts Vergleichbares in Europa?
Ziqi Hu: Gute Frage. Ich hätte beispielsweise erwartet, dass Paypal etwas Ähnliches startet, denn offensichtlich haben sie eine solide Nutzerbasis und als Zahlungsdienstleister könnten sie jede Menge coole Funktionen in die App integrieren. Allerdings müsste sie dann über viele Ländergrenzen hinweg funktionieren, womit die Herausforderungen wohl begännen. WeChat hat es hingegen leichter: Mit dem chinesischen Markt gibt es nur eine Währung, ein einheitliches Rechtssystem, eine Sprache etc. Das macht es für das Betreiberunternehmen Tencent einfacher.

Autor

Kathrin
Senior Konzepterin / UX Design